Warum feiern wir eigentlich… Karneval? Traditionen von Fastelovend, Fasching, Fastnacht und Co erklärt
- Living in Season

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Jedes Johr em Winter, wenn et widder schneit, kütt d'r Fastelovend un mir sin all bereit! 🥁🎶
Nicht nur in Köln wird die "fünfte Jahreszeit" ausgiebig zelebriert: Menschen verkleiden sich, tanzen auf Straßen, fangen Kamelle und feiern ausgelassen. Doch woher kommt diese bunte Tradition eigentlich? Was steckt hinter den närrischen Bräuchen? Karneval hat überraschend viele Schichten: Historisch, religiös, sozial und psychologisch. Und je genauer man hinsieht, desto deutlicher wird, dass hinter der Verkleidung – wie so oft – weit mehr steckt, als man zunächst annimmt.

Die Ursprünge: Vom Winteraustreiben zur Fastenzeit
Bereits in der Antike gab es Feste, bei denen die gewohnte Ordnung zeitweise aufgehoben wurde. So wurde z.B. während der römischen Saturnalien, bei denen Herren ihren Sklaven bedienten, das öffentliche Leben auf den Kopf gestellt. Auch germanische und keltische Winterbräuche kannten Lärmumzüge, Masken und symbolische Vertreibungsrituale, etwa gegen böse Geister oder den Winter selbst. Direkte Verbindungen zum heutigen Karneval sind zwar nicht belegbar, aber es zeigt, dass der Wunsch nach närrischem Treiben bereits seit Urzeiten in uns verankert ist.
Die Anfänge des heutigen Karnevals entwickelten sich im Mittelalter vor allem im katholisch geprägten Europa als letzte Gelegenheit, vor der 40-tägigen Fastenzeit nochmals zu schlemmen und ausgelassen zu feiern. Der Ausdruck "Carnem levare" ("Fleisch wegnehmen"), der später eher spaßhaft mit "Carne vale" („Fleisch, lebe wohl“) in Verbindung gebracht wurde, zeigt die Ursprünge des Begriffs "Karneval". In städtischen Quellen sind Karnevalsaktivitäten etwa seit dem 13. Jahrhundert dokumentiert: Besonders in Basel, Nizza und Venedig fanden frühe karnevalsähnliche Feste mit festen Terminen vor der Fastenzeit statt. Dieser mittelalterliche Karneval hatte aber nur entfernt mit dem zu tun, was wir heute kennen. Es handelte sich eher um ein unorganisiertes, oft derbes Treiben: spontane Umzüge, Maskenspiele, Spottreden und reichlich Ausschweifung prägten das Bild. In vielen Städten tolerierte man diese ausgelassene Phase größtenteils. Im deutschsprachigen Raum sind erste schriftliche Erwähnungen aus dem 14. und 15. Jahrhundert überliefert, etwa in Köln, Nürnberg und Augsburg. Auch hier waren diese Feste allerdings noch nicht zentral organisiert.
Ein Karneval in einer annähernd modernen Form entstand in Köln erst im Jahr 1823 mit dem ersten organisierten Rosenmontagszug. Dass sich Köln zur Karnevalshochburg entwickeln konnte, hat mehrere historische Ursachen: Nach dem Wiener Kongress von 1815 wurde das katholisch geprägte Köln Teil des überwiegend protestantischen Preußens. Die neuen, nüchternen preußischen Beamten standen dem ausgelassenen rheinischen Treiben skeptisch gegenüber und versuchten wiederholt, den Karneval einzuschränken oder ganz zu verbieten, ähnlich wie zuvor bereits während der französischen Besatzungszeit. Gerade diese Einschränkungen machten das närrische Fest für viele Kölner zu einem wichtigen Ventil. Der Karneval diente der Pflege der rheinischen Identität und wurde zu einer Form humorvollen Widerstands gegen preußische Disziplin, Ordnungsliebe und Obrigkeit (die bis heute typischen Uniformen der Traditionskorps, etwa der Roten Funken, sind ursprünglich als bewusste Parodien auf das preußische Militär gedacht).
Gleichzeitig war der neue, organisierte Karneval auch eine bewusste Reaktion auf das zuvor oft ungezügelte Feiern, das aus Sicht des Bürgertums zunehmend als problematisch galt. Die gezielte „Rettungsaktion“ im Jahr 1823 ging vor allem von gebildeten Kölner Bürgern wie Simon Oppenheim und Emanuel Zanoli aus. Ihr Ziel war es, das Fest zu zivilisieren, ohne seinen satirischen Kern zu verlieren. Mit der Gründung des „Festordnenden Comité“ im Jahr 1823, dem heutigen Festkomitee Kölner Karneval, erhielt das närrische Treiben feste Strukturen. Es entstanden ein geregeltes Programm, ein Prinzenpaar und später auch wechselnde Mottos. Der Karneval wurde damit zugleich bürgerliche Selbstinszenierung und Bühne politischer Satire. Aus einem anarchischen Volksfest entwickelte sich ein städtisch organisiertes Spektakel, das es dennoch verstand, seinen jecken Kern zu bewahren.
Der Begriff "Karneval" ist vor allem im Rheinland verbreitet. "Fastnacht" ist der traditionelle Begriff in Südwestdeutschland, der Schweiz und Teilen Österreichs. Hier stehen Masken, Narrengruppen und alemannische Bräuche im Vordergrund. "Fasching" ist besonders in Bayern und Österreich gebräuchlich. Auch im Rest Deutschlands, z.B. in Berlin, wird dieser Begriff verwendet. Der Begriff leitet sich vom mittelhochdeutschen vaschang („Fastenschank“) ab und bezeichnete ursprünglich den letzten Ausschank von Alkohol vor Beginn der Fastenzeit.
Die fünfte Jahreszeit
Das Rheinland und insbesondere Köln gelten als Hochburg des deutschen Karnevals. Hier beginnt die sogenannte fünfte Jahreszeit schon früh: Am 11. November um 11:11 Uhr. An diesem symbolischen Datum wird die Karnevalssession offiziell eröffnet. Danach wird es allerdings wieder stiller: Die Adventszeit und Weihnachten stehen bevor. Es gibt einzelne Sitzungen (vor allem "alternative", wie die Stunksitzung), aber größtenteils macht der Karneval öffentlich Pause. Die Vorbereitungen laufen allerdings auf Hochtouren. Denn richtig los geht es Anfang des neuen Jahres, wenn das Dreigestirn bei der Prinzenproklamation (kurz: Pripro) im Rahmen einer festlichen Zeremonie gekrönt wird.
Das Kölner Dreigestirn besteht aus Prinz, Bauer und Jungfrau, drei symbolischen Figuren, die gemeinsam den Karneval repräsentieren. Traditionell wird die Jungfrau von einem Mann dargestellt, was den jecken Rollentausch und die Lust am Spiel mit gesellschaftlichen Normen unterstreicht. Das Dreigestirn regiert offiziell während der Karnevalssession über die Jecken.
Der Straßenkarneval beginnt offiziell an Weiberfastnacht, also am Donnerstag vor Aschermittwoch. In Köln und Umgebung wird dieser Tag auch „Wieverfastelovend“ genannt: Frauen übernehmen symbolisch die Macht und schneiden den Männern traditionell die Krawatten ab. Die heutige Weiberfastnacht geht der Überlieferung nach auf das Jahr 1824 zurück, als Bonner Wäscherinnen erstmals symbolisch die Macht übernahmen, um sich einen Tag selbstbestimmtes Feiern zu erlauben.
Es folgen der Karnevalsfreitag, -samstag und -sonntag, mit zahlreichen Sitzungen, Umzügen und Feiern. Der Rosenmontag bildet dann den absoluten Höhepunkt. Der Name geht evtl. auf das mittelhochdeutsche „Ros(en)montag“ zurück, den Montag nach dem „Rosensonntag“ (einem alten kirchlichen Freudentag), wurde aber später vor allem mit dem großen Umzugstag verbunden: bunt, politisch, laut.
Am Veilchendienstag klingt der Karneval langsam aus. Der Name hat mit Blumen vermutlich wenig zu tun. Die geläufigste Erklärung führt ihn auf das alte Verb ‚veilen‘ bzw. ‚feilen‘ zurück: Es bezeichnete den Arbeitstag der Metzger, die vor Beginn der Fastenzeit noch Fleisch vorbereiteten. In manchen Kölner Stadtvierteln gehen noch vereinzelte "Veedelzöch", am Abend wird vielerorts der Nubbel verbrannt. Hierbei handelt es sich um eine Strohpuppe, die symbolisch für alle Sünden des Karnevals herhalten muss. Mit ihrer Verbrennung endet das bunte Treiben.
„Alaaf“ ruft man vor allem in Köln und Umgebung. Es bedeutet sinngemäß „über alles“ und gilt als klassischer Karnevalsgruß im Rheinland. „Helau“ ist dagegen in Mainz, Düsseldorf und vielen anderen Regionen verbreitet. Besonders zwischen Köln und Düsseldorf sorgt der Unterschied regelmäßig für freundschaftliche Rivalität, ähnlich wie beim Bier: Kölsch hier, Alt dort.
Der Karneval ist im Rheinland auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Vor allem im Rheinland bringt er Millionenumsätze durch Kostüme, Musik, Veranstaltungen und Tourismus. Es gibt auch Bands, die sich ausschließlich auf Kölsche Musik konzentrieren.
Nicht zu vergessen, lebt der Karneval aber vor allem vom Ehrenamt. Nur durch den unermüdlichen Einsatz gemeinnütziger Helfer und ein umtriebiges Vereinswesen lebt das Brauchtum in seiner heutigen Form.
In Köln muss der Prinz für eine Session mit einem persönlichen finanziellen Aufwand von etwa 30.000 bis 50.000 Euro rechnen. Diese Summe ist sein individueller Anteil an den Gesamtkosten des Dreigestirns, die sich auf rund 150.000 Euro belaufen, wobei die jeweilige Karnevalsgesellschaft, die das Dreigestirn stellt, und Sponsoren z.T. die restliche Summe tragen.
Karneval weltweit
Drei der bekanntesten Karnevalsformen außerhalb des deutschsprachigen Raums könnten kaum unterschiedlicher sein. Der Karneval in Venedig zählt zu den ältesten und elegantesten Formen, mit Wurzeln im 12. Jahrhundert. Masken wie die Bauta oder Colombina ermöglichten eine anonymisierte Gesellschaft auf Zeit, in der Standesunterschiede aufgehoben waren. Heute ist er ein stilvolles Spektakel, das die ganze Stadt in eine Bühne verwandelt.
Ganz anders der Karneval in Rio: laut, bunt und voller Energie, historisch mit kolonialen und afrobrasilianischen Wurzeln. Im Sambódromo präsentieren Sambaschulen aufwendig inszenierte Umzüge, mit Musik, Tanz und politischen Botschaften.
In den USA ist das Fest "Mardi Gras" (fetter Dienstag) am Dienstag vor Aschermittwoch in New Orleans weltberühmt. Dies hat vor allem mit den französisch-katholischen Wurzeln der Stadt zu tun.
Am Aschermittwoch ist alles vorbei...
So heißt es im berühmten Karnevalslied und tatsächlich endet an diesem Tag das närrische Treiben. Der Aschermittwoch markiert im Kirchenjahr den Beginn der Fastenzeit. Traditionell ein Tag der Besinnung und des Verzichts, an dem Gläubige das Aschekreuz als Zeichen der Vergänglichkeit empfangen. Zudem richten viele Karnevalsgesellschaften noch ein traditionelles Fischessen aus.
Zurück bleiben Konfettireste, heisere Stimmen und das Gefühl, Teil von etwas Größerem gewesen zu sein: einem Fest, das Gemeinschaft stiftet, den Winter vertreibt und uns zeigt, wie befreiend es sein kann, das Leben nicht immer ganz so ernst zu nehmen.
Und nicht vergessen: Ostern steht schon in den Startlöchern, denn nach Aschermittwoch sind es nur noch knapp 6 Wochen bis Ostersonntag.



